| Der Übergang zur Vaterschaft in Ostdeutschland in den 1990ern. |
| Psychologische Determinanten der Erstgeburt und die Bedeutung des Übergangs zur Elternschaft für junge Erwachsene aus Rostock. Eine ereignisanalytische und qualitative integrative Untersuchung innerhalb des Rostocker Längsschnitts. |
Schlüsselwörter:
East Germany, men, fertility, first births, event history analysis, problem-centered interviews, methodical integration, triangulation, social psychology, gender
Ostdeutschland, Männer, Fertilität, Erstgeburt, Ereignisanalyse, Problem-zentrierte Interviews, Methodenintegration, Triangulation, Sozialpsychologie, Gender
Sachgruppe der DNBAbstract
This book deals with three current research questions: a) on the compatibility between demographic and psychological explanations of reproductive behavior, b) on explaining extreme fertility decline in East Germany after reunification, and c) on sex differences in the determinants of the transition to parenthood.
In Part A, the research questions are subjected to conceptual precision. In doing this, the author presents, amongst other things, a recent socio-demographic research paradigm (the foundations of demographic theory by B. de Bruijn), which shows in what way a micro foundation of fertility theory can be formulated. The empirical investigations in the book take their starting-points from this model and include different analyses with data from the Rostock Longitudinal Study.
In Part B, the author performs an event-history-analysis of observed birth events between 1988 and 2002. The results show that psychological covariates contribute largely to explaining differential fertility and that their effects are clearly sex-specific. The findings indicate that for women (more so than for men), characteristics of the socio-economic and biographic background (such as education – one’s own and that of the parents – and the size of the family of origin) as well as personality traits determine observed differences in first birth timing. For men, by contrast, the practical organization of the life course (e.g., the timing of leaving the parental home and the end of their education), certain behavioral habits (e.g., coping-styles), the availability of personal resources (e.g., their own skills, a well-functioning partnership) as well as the style and content of personal considerations (e.g., fears, optimism) explain these differences in greater detail.
The second part of the empirical investigation (Part C) deepens the new insights into the determinants of male transition to parenthood. It presents a qualitative study with 20 male participants, using problem-centered interviews (A. Witzel) on the desire for children and conceptions of fatherhood. The analysis applies a conceptual model of goal and intention formation, which is derived from personality psychology. Results show that men’s desire for children can be explained by two different core dimensions. The first is termed “developmental perspective of the self” and constitutes self-related perceptions on the consequences of parenthood (motives, anticipated self-concept), the current self-concept, and the conceptions of an adequate manhood in society (masculinity). The second dimension is termed “evaluation of social objects” and consists of personal attitudes to children, partnership, and family, of values in terms of binding societal norms, and of interests in activities with children. The author concludes from this that a valid psychological theory of the desire for children must consider two different processes, namely the affective-motivational and the cognitive-attitudinal.
The last part (Part D), firstly, presents an integration of the two former parts. Secondly, it places the results into the societal context of post-unified East Germany in order to gain deeper insights. The author shows that subjectively perceived motives for fatherhood as well as factors not perceived are crucial in the causal explanation of differential male fertility. The former mechanism is the motivation for fatherhood, the latter the selection of male partners by women. Both empirical parts of the book converge into the overall picture of a changing gender order in East Germany. The authors show that the abstract of “gender order” is expressed in the emergence of new and the decline of old family-related life-styles. The results present evidence that the notions of the “normalcy” of parenthood during the life course, of the disintegrating of traditional and socialistic ideals of motherliness (from the perspective of men), and of the attribution of gender-specific new tasks and expectations to one’s own life exist side by side. In sum, the study suggests to view these new attributions (for instance, social maturity, life-practical competence, the individual construction of the meaning of fatherhood) as a constitutive for entering into fatherhood in East Germany of the 1990s.
Die vorliegende Arbeit behandelt drei aktuelle Forschungsprobleme: die Frage nach der Vereinbarkeit demographischer und psychologischer Erklärungsmodelle des generativen Handelns; die Frage nach der Erklärung des extremen Geburtenrückgangs in Ostdeutschland nach der Vereinigung; sowie die Frage nach Geschlechtsunterschieden in den Determinanten des Übergangs zur Elternschaft.
Im ersten Teil der Arbeit (Part A) werden die Forschungsfragen präzisiert. Hier wird u.a. ein neueres sozialdemographisches Theoriemodell vorgestellt („foundation of demographic theory“ von B. de Bruijn), das aufzeigt, wie die psychologische Fundierung einer demografischen Fertilitätstheorie formuliert werden kann. Die folgenden empirischen Untersuchungen greifen dieses Modell auf und führen verschiedene Analysen des Übergangs zur Elternschaft mit Daten aus der Rostocker Längsschnittstudie durch.
Der erste empirische Teil der Arbeit (Part B) stellt eine Ereignisanalyse der in der Studie beobachteten Erstgeburten aus den Jahren 1988 bis 2002 vor. Die Ergebnisse zeigen, dass psychologische Maße einen großen Anteil an der Erklärung der differentiellen Fertilität haben und dass es deutliche Geschlechtsunterschiede für die einzelnen Variablen gibt. Die Resultate legen nahe, dass es für Frauen Merkmale ihres soziostrukturellen und biografischen Hintergrunds (z.B. Bildungsstand, auch jener der Eltern, Größe der Herkunftsfamilie) sowie hereditäre Merkmale (Persönlichkeit) sind, welche die gefunden Unterschiede im Zeitpunkt ihrer Erstelternschaft bestimmen. Für Männer hingegen scheinen es eher die praktische Organisation ihres Lebenslaufs (z.B. Ende der Ausbildung), problembezogene Verhaltensweisen (z.B. Coping-Stile), die Verfügbarkeit eigener Ressourcen (z.B. eigene Fähigkeiten, eine gute Partnerschaft) sowie Art und Inhalt ihrer persönlichen Überlegungen (z.B. Ängste, Optimismus) zu sein, die solche Unterschiede erklären.
Der zweite Teil der empirischen Arbeit (Part C) vertieft diese Befunde auf seiten der Männer und stellt „Problem-zentrierte Interviews“ (A. Witzel) zum Kinderwunsch und den Vorstellungen von Vaterschaft mit 20 Männern aus der Studie vor. Die analytische Vertiefung gelingt hier mittels eines persönlichkeitspsychologisch hergeleiteten Modells zur Ziel- und Absichtsbildung. Die Analyse zeigt, dass der männliche Kinderwunsch aus zwei Kerndimensionen heraus erklärt werden kann. Die erste Dimension wird als „Entwicklungsperspektive des Selbst“ bezeichnet, die sich aus Selbst-bezüglichen Vorstellungen zu den Konsequenzen einer Elternschaft (Motive, antizipiertes Selbstkonzept), dem aktuelles Selbstbild sowie Vorstellungen zum angemessenen Mann-Sein in der Gesellschaft (Männlichkeitsvorstellungen) zusammen setzt. Die zweite Kerndimension wird als „Evaluation sozialer Objekte“ bezeichnet und konstituiert sich aus Einstellungen zu Kindern, Partnerschaft und Familie, Werten im Sinne von verbindlichen Handlungsnormen sowie aus dem Interesse an der Beschäftigung mit Kindern. Der Autor folgert aus diesem Befund, dass eine valide psychologische Theorie des Kinderwunschs zwei Prozesse in Betracht zu ziehen hat, nämlich einen affektiv-motivationalen sowie einen kognitiv-attitudinalen.
Der letzte Teil der Arbeit (Part D) hat zwei Funktionen. Zum einen geht es um die Frage nach der Integration beider vorangegangener Teiluntersuchungen. Zum zweiten geht es um eine gezieltere Einordnung der Befunde in den gesellschaftlichen Kontext Ostdeutschlands nach der Wende. Die Arbeit argumentiert, dass sowohl subjektiv wahrgenommenen Beweggründen für eine Vaterschaft als auch nicht wahrgenommenen Faktoren wesentlich für eine kausale Erklärung von differentieller Erstfertilität von Männern sind. Der erste Mechanismus wird als Motivation zur Vaterschaft verstanden, der zweite als Selektion von männlichen Partnern durch die jeweiligen Partnerinnen. Hier ergänzen sich die beiden empirischen Stränge der Arbeit zu einem Gesamtbild der (sich verändernden) Geschlechterordnung in Ostdeutschland. Die Arbeit argumentiert, dass sich das Abstraktum der Geschlechterordnung konkret im Auftauchen neuer und Verschwinden alter Lebensstile aufzeigen lässt. Hier finden sich in unseren Ergebnissen aus Ostdeutschland aus den 1990ern nebeneinander Vorstellungen von „Normalität“ von Elternschaft im Lebenslauf, die Auflösung hergebrachter und staatssozialistisch geprägter Vorstellungen von Mütterlichkeit (aus Sicht von Männern) sowie die Zuweisung geschlechtsspezifischer neuer Aufgaben und Erwartungen an den eigenen Lebenslauf. In der Zusammenschau schlägt die vorliegende Arbeit vor, diese neuen Zuweisungen – zum Beispiel von sozialer Reife, lebenspraktischer Kompetenz oder eigener Sinngebung von Vaterschaft – als konstitutiv für das Eingehen einer Vaterschaft in Ostdeutschland in den 1990ern anzusehen.
| Betreuer | Fuhrer, Urs; Prof. Dr. |
| Gutachter | Fuhrer, Urs; Prof. Dr. |
| Gutachter | Hoem, Jan M.; Prof. Dr. Dr. h.c. |
| Upload: | 2004-12-09 |
| URL of Theses: | http://diglib.uni-magdeburg.de/Dissertationen/2004/hollippe.pdf |